Copyright by Paul Diestel. Designed by MOMix.

Windmaß. Eine Maßeinheit auf der Grundlage des natürlichen Phänomens Wind. In der Wissenschaft ermittelt ein Anemometer die Eigenschaften des Windes, bei Paul Diestel ist es eine poetische Größe. ,,Windmaß" ist ein 173 cm langes, 35 cm breites und 10 cm hohes Objekt aus Lindenholz und alles andere als leicht und luftig. Die Oberfläche wurde mit Hasenleim, Asche, Tonmehl und Kalk bearbeitet und betont die Erdverbundenheit des Objekts, seine Bodenhaftung. Als Vorlage diente ein Eschensamen. Er ist kaum 35 mm lang und hauchdünn, seine Form erinnert an einen Insektenflügel. Aus unseren Erinnerungen an Herbstspaziergänge sind die Eschensamen nicht wegzudenken - vom Wind erfasst, wirbeln sie wie kleine Propeller durch die Luft und können Entfernungen von bis zu 120 Metern hinter sich legen. Den Namen des Originals setzt Paul Diestel in Klammern neben den Titel des Objekts. In der Lücke, die sich zwischen der poetischen und der allgemeingebräuchlichen Bezeichnung auftut, vollzieht sich eine materielle und semantische Transformation.
Während der Ausstellung „Permeabel" (Stellwerk Kassel, Dezember 2017) hing „Windmaß" an einer feinen, aus der Feme kaum sichtbaren Schnur, das Objekt berührte nur an einem Punkt den Boden, der Rest des massiven Holzkörpers schwebte in der Luft, strebte empor. Zur Vernissage ließ Paul Diestel im Ausstellungsraum den Sänger Akihiro Nagaki auftreten, der in einiger Entfernung zum Objekt das Lied „Nuit d'etoiles" von Claude Debussy sang. Als er nach knapp fünf Minuten wieder abging, hatten sich Raum und Objekt in der Wahrnehmung der Besucher nachhaltig verwandelt.
Das Wort und die literarische Gattungsbezeichnung „Lyrik" stammen aus dem Altgriechischen. Ursprünglich wurde eine Dichtung in Versform zum Spiel einer Lyra vorgetragen, eines antiken Saiteninstruments. Auch das moderne Gedicht lässt durch Vers- oder Strophenbildung und Rhythmik seine Verwurzelung in der Musik noch deutlich erkennen. Worte dienen als Klang­körper und Bildträger, ihre kompositorische Setzung schafft einen Raum, in dem sich die Bedeu­tungen öffnen. Zwar bedient der lyrische Text sich der materiellen Wirklichkeit, doch sein Ziel ist nicht die Beschreibung eines Ist-Zustands; die Dinge werden in einen anderen Sinn- und Seinszusammenhang überführt.
Paul Diestels Arbeiten sind Lyrik als Objekt. Hier herrscht kein Attribut zu viel, in der zwingenden Form ist nichts Ornament. Durch die sorgsam platzierten Leerstellen dringen wir in tiefere Ebenen vor. Als Schriftsteller erkenne ich in diesen Objekten nicht nur eigene Arbeitsweisen wieder, ich lese in ihnen eine hochgradig rhythmisierte Ver-Dichtung der Welt, formal so lange reflektiert und bearbeitet, bis das bloße Material (das Holz, das Wort) hinter den aufgetragenen Schichten und im Zusammenspiel mit dem Raum fast verschwindet - aber eben nur fast. Paul Diestel verwendet ausschließlich Naturmaterialien, und die Formen seiner Objekte lassen sich direkt aus der Natur ableiten. Sie ist dabei nicht unbedingt sichtbar, doch stets präsent. Zusammen mit den Bildern aus dem eigenen Bewusstsein entsteht ein neuer, so noch nie gese­hener Raum. Paul Diestel unterwandert die Natur, ohne das Objekt von seinem Ursprung zu entfremden. Er schafft keine Abbildung, sondern einen Körper, der sich von einem anderen Ort aus an seine Herkunft erinnert. Dies kann nur gelingen, wenn die originäre Form nicht ganz verloren geht.
Der lyrische Zugriff auf die Welt stellt sich nicht gegen den wissenschaftlichen, er nimmt ihn auf, erweitert, ergänzt ihn. Eingebettet in den Schutz des Vertrauten und Verlässlichen entfaltet sich ein neuer Daseinszustand. Am Ende des Schaffensprozesses stehen archetypische Grund­formen, nicht minimalistisch, aber einfach - abstrakt und zugleich von großer Offenheit und Transparenz.
Mit dem Wenigen, das von der Fülle des Materials bleibt, führt ein gutes Gedicht die Leserin und den Leser zu der Seele der Dinge. Und wie der Dichter arbeitet auch Paul Diestel eher mit dem Nachbild des Originals; seine Objekte sind von den Instrumenten der Erinnerung geformt. Während der Arbeit liegt das Original als Modell und Inspirationsquelle nicht vor ihm, es ist bereits vom Vergessen bedroht, und nur indem es unaufhaltsam verblasst, kann es zu einer neuen Gestalt finden.
Paul Diestels Werke sind von der Melancholie des unausweichlichen Abschieds durchdrungen, sie erzählen nicht nur von der Vergänglichkeit, sie selbst sind vergänglich - und damit Ausgangspunkt für Umwandlung und Transzendierung. Die ursprüngliche Form stirbt, ist aber niemals tot. Das künstlerische Objekt wird nicht gemacht, sondern geboren - und in der Geburt erfährt das Individuum bereits ein Trauma, sie ist die erste Begegnung mit dem existenziellen Schmerz. Diesen erfahrbar zu machen, in einer Form, die das Lebendige offenlegt und gleichzeitig schützt, ist meine Aufgabe als Schriftsteller. Es ist das ebenso radikale wie zärtliche Nachvollziehen der Schöpfung, das Aufspüren des Verletzbaren in den vollendeten Werken der Natur, das mich bei der Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Paul Diestel jedes Mal aufs Neue herausfordert. Er entwirft eine Art Grundgeometrie des Seins, mit lyrischem Werkzeug und den Maßen des Windes, des Lichts und der Stille.
,,Puppenstadium des Ligusterschwärmers", ein weiteres Objekt in der Werkschau „Permeabel", lag unweit des künstlichen weißen Ausstellungsraums in der Halle des Kasseler Hauptbahnhofs auf dem Boden, inmitten des geschäftigen Treibens. Reisende nutzten es als Bank zum Ausruhen, Kinder turnten darauf herum, ein Jugendlicher trat dagegen, seine Wut richtete sich gegen irgendetwas und traf die Kunst.
Nicht jede Verwandlung einer Larve zum Schmetterling gelingt. Das Schlüpfen aus dem Kokon ist ein hochsensibler Moment, das Insekt ist wehrlos, seinen Fressfeinden und schädlichen Umwelteinflüssen ausgeliefert. Paul Diestels Objekt trägt nun Spuren seiner Begegnung mit der Welt. Es lebt.
Gunther Geltinger
Februar 2018

Die Natur ist für Paul Diestel in jeder Beziehung Vorbild. Ausschnitte der Natur nimmt er zum Ausgangspunkt einer Suche nach dem Wesentlichen, das der Natur innewohnt. Blattknospen, Larven eines Falters oder Samen haut und schneidet er stark vergrößert in weiches Holz von Linden und Pappeln. Mit Pigmenten, die er selbst aus der Natur gewinnt, Erden und Asche fasst er die Skulpturen farbig. In der Schale eines Sonnenblumenkerns, im Puppenstadium des Ligusterschwärmers, im Mutterkorn findet er einen Ausschnitt aus dem Kreislauf der Natur, der nicht aufhaltbar ist. Paul Diestel will mit seiner Kunst innehalten, um einzelne Stadien isoliert und ganz für sich zu betrachten. Sein Weg diesen Momenten und Entwicklungsschritten in der Natur nachzuspüren ist der bildhauerische Prozess.

 

Kathrin Balkenhol

Mai 2019

 
Paul Diestel’s Quellen der Inspiration sind Fundstücke aus der Natur. Eschensamen, Mutterkorn, Sonnenblumenkernschalen oder Ligusterschwärmer im Puppenstadium. Fasziniert von Dingen, die sich im Prozess der Verwandlung befinden, versucht er sie in neuer Form in Holz nachzubilden. Dabei ist für ihn der bildhauerische Prozess ein Graben nach dem Wesentlichen durch Wegnehmen des Unwesentlichen. Mit der Reduktion der Form sucht Paul Diestel zugleich nach einer Urform für alle Dinge. Dieser aufwändigen Suche nach der Form folgt ein nächster intensiver Prozess. Wieder sammelt Paul Diestel Materialien aus der Natur wie Asche, Sand, Kalk und Pigmente, um sie vermengt mit Hasenleim in mehreren Schichten aufzutragen. Warum dieser zeitintensive Prozess? Das Lindenholz, das Paul Diestel für seine Arbeiten gerne verwendet ist roh und verwundbar. Ein kleiner Riss wirkt wie eine Wunde im Fleisch. Durch die vielen Schichten umgibt er seine Skulpturen mit einer Oberfläche, die sich wie eine schützende Haut um die Form legt.

Heike Preier
August 2018